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Zum Tod von  Roshi - Roshanak Tehranian (Tehran 1.1.84 – München 4.1.2005)

 

Der Trauerfeier am 16.1.2005 in der Kreuzkirche München, Ansprache  (Herr Seng, Tilmann)

„Der Glaube ist der Vogel, welcher singt, wenn die Nacht noch dunkel ist“, dieser mutige Gedanke Rabintranath Tagore´s hing an Roshis Christbaum im Krankenhaus unter einem kleinen, bunten Vögelchen.

Liebe Mutter, lieber Vater von Roshi, liebe Verwandte und Freunde unserer Roshi, Roshi ist nicht mehr unter uns. Wir wissen es und wir wissen es nicht, warum und wozu. Was wir allerdings wissen ist, dass sie uns auf einem Weg vorausgegangen ist, den wir alle, ob alt oder jung, noch vor uns haben. Wir wissen, dass unser Leben manchmal früher, manchmal später, ein Ende hat. Und trotzdem sind wir erschrocken – wie jetzt – wenn eine aus unserer Mitte ihr Leben in so jungen Jahren zu Ende bringen musste. – Am 1.Januar, feierte Roshi ihren 21. Geburtstag.

Wir sind erschrocken, traurig und hilflos, wie auf den Mund geschlagen – und vielleicht zornig – weil uns der Sinn verborgen ist, weil uns die Begegnung mit der Sinn-losigkeit im Grunde die Worte raubt.

Der Glaube ist der Vogel, welcher singt, wenn die Nacht noch dunkel ist. „- Trotz-dem - deshalb g l a u b e ich, ist es sinnvoll, wenn wir versuchen Worte zu finden , um Ihnen, liebe Eltern erkennen zu geben, dass wir ahnen, wie es in Ihnen aussieht und dass wir an Ihrem Traurigsein teil-nehmen – jeder von uns auf seine Weise, als ehemalige Schulkameradin, als Freundin, als Freund, als ehemaliger Lehrer, als Schwester, als Stationsarzt. Der Vogel, als Bild für den Glauben, für Gottvertrauen, der Vogel der mutig singt, mitten in der Bedrohung durch die Dunkelheit der Nacht, er macht mir Mut von Roshis Mut zu sprechen, von ihrer Tapferkeit und Stärke. Sie hat in den letzten Wochen ihres Lebens begonnen ihr Sterben anzunehmen. Ja, sie ist für manchen von uns zu einer Lehrmeisterin geworden, so, wie sie über den Tod hinaus, fragte, sich sorgte und hoffte. – Als sie in einem unserer Gespräche nach dem Sinn der Schmerzen fragte, gab sie sich selbst eine Antwort: „er – Jesus – hat ja auch gelitten – er verstand auch etwas von Schmerzen“ – das war ihr in diesem Moment genug. So, wie sie sich noch sorgte um die, die sie zurücklassen wird. Wie sie diese Trauerfeier mit plante, so kann uns Roshi behilflich sein neu leben zu lernen durch Sterben lernen.Die 21 Jahre ihres Lebensweges begannen 1984 in Teheran. 1988 zog sie mit ihrer Familie nach Saarbrücken, wo sie sich auch taufen ließ. Als sie im Mai 1994 an das SSG kam, da begegnete ich ihr und ihrer Mutter das erstmal. Nach der 10.Klasse besuchte sie zwei Jahre eine Highschool in den USA. Ab 2002 war sie Schülerin an der FOS- für Sozialwesen in München. Mit ihrer powervollen Lebensenergie lebte und tanzte sie auch einmal als Mitglied der Narhalla – Prinzengarde. Einmal nannte sie Turnen, Tanzen, Singen und Dichten als ihre Hobbys. Roshi beschäftigte sich in den letzten Jahren – wie ein unbewusstes Ahnen – des öfteren mit der Frage des Lebensendes. Sie hat in englischer Sprache eine Art Poesiealbum gestaltet, in ihm stellte sie sich unter anderem die Frage :“Was will ich tun, bevor ich sterbe ?“ . Reisen war eine ihrer Antworten. – Ihre Asche wird auf Reisen gehen. Auf einer anderen Seite fragte sie nach ihrer Zukunft: „Wo, wer bin ich, mit 27 Jahren?“ Eine ihrer Antworten lautete:“ Ich könnte tot sein“ . Seit Februar des letzten Jahres wurde das ihr Lebensthema. In ihren letzten Wochen wünschte sie sich des öfteren, dass endlich dieses Leben zu Ende gehen möge – sie hoffte dabei auf ein neues Leben, an einem Ort, wo sie unbeschwert glücklich sein könnte. – Das Neue Testament beschreibt öfters das Ende als eine Feier, eine Hochzeitsfeier. Roshis Wunsch hat sich erfüllt. Im Nachhinein habe ich ihren Wunsch nach mehr Alleinsein als den Beginn ihres Abschiedsnehmens verstanden. Von Roshi können wir lernen. So wie sie in ihrem Leben ihr Sterben anzunehmen begann, so können wir versuchen, mit der uns eigenen Art es nach zubuch –stabieren: das was Roshi uns voraus hat, ihr und unser Sterben anzunehmen, so schwer es auch fallen mag. Der Prophet Zephania , aus dem ersten Teil der Bibel, will uns dazu Mut machen, dass Schweigen nicht das letzte Wort haben muss, so wenig wie der Tod das Letzte ist, was uns das Leben zu bieten hat: „Fürchte dich nicht, denn der Herr, dein Gott, ist bei dir,ein starker Heiland.“ Es gehört fast schon trotziger Mut dazu – wenn uns das Leben das Fürchten lehrt - zu behaupten, dass Gott uns nahe ist, auch und gerade wenn wir uns tot-traurig fühlen. Dass er uns nahe ist, als starker Heiland. Vielleicht hilft uns ein Traum dazu zu erspüren, was die Ermutigung des Propheten für uns – in allem Traurig sein – heute bedeuten kann: Einer hatte des nachts einen Traum: Er träumte, dass er mit Gott am Strand entlang spazieren ging. Am Himmel zogen Szenen aus seinem Leben vorbei. Und für jede Szene aus seinem Leben waren Spuren im Sand zu sehen. Als er auf die Fußspuren im Sang zurückblickte, sah er, dass manchmal zwei Spuren und manchmal nur eine Spur zu sehen war. Er bemerkte weiter, dass sich zu Zeiten größerer Not und Trauer nur eine Spur zeigte. Deshalb fragte er Gott: „Herr, ich habe bemerkt, dass zu den traurigen Zeiten meines Lebens nur eine Spur zu sehen ist. Du hast aber versprochen, stete bei mir zu sein. Ich verstehe nicht, warum du mich da, wo ich dich am nötigsten brauchte, allein gelassen hast. Da antwortete Gott: „Mein lieber Freund, ich liebe dich und würde dich niemals verlassen. In den Tagen, in denen du am meisten gelitten und mich am nötigsten gebraucht hast, wo aber nur eine Spur zu sehen war, da – habe ich dich getragen.“ Ein starker Heiland, der einen manchmal trägt, - der etwas von Schmerzen versteht, - der einem manchmal die Angst erträglich werden lässt, der einem manchmal Mut zum Sterben und zum Leben, zum Überleben macht. Wir müssen uns dabei gar nicht immer bewusst sein, dass er es ist , der trägt. Je bedrohter Roshis Leben wurde, umso mehr habt ihr die noch verbleibende,gemeinsame Zeit als geschenkte Zeit erlebt. Wo manches noch gesagt und, - wie diese Stunde - geplant werden konnte. Natürlich hat die Zeit nicht gereicht,-wie sollte sie auch. Aber auch da kann uns Roshi ein Vermächtnis hinterlassen, wenn wir, durch ihr Leben und Sterben, unser Leben, als geschenkte Zeit begreifen lernen. Auch auf diese Weise kann Roshi unter uns lebendig bleiben. Bei meinem letzten Besuch, zwei Tage vor ihrem Tod, einen Tag nach ihrem 21.Geburtstag, reichte sie mir, in aller schmerzvollen Unruhe, ihre Hände. Sie genoss lächelnd die Kälte meiner Hände, ich genoss lächelnd die Wärme ihrer Hände. Uns so, einander festhaltend, habe ich ihr von Dietrich Bonhoeffer erzählt und seinem letzten Neujahrsgruß aus dem Gefängnis an seine Mutter, und mit Roshi gebetet – es steht auf der letzten Seite des Faltblatts: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Der Herr war und ist mit uns, ein starker Heiland. Er war und ist bei Roshi – seine Arme tragen sie jetzt, sie erlahmen nie, wie es unsere Arme immer wieder tun müssen. Darum, liebe Eltern, liebe Verwandte und Freunde unserer Roshi, der Herr, unser Gott ist bei euch. In seiner Nähe brauchen wir uns unserer Trauer und Tränen nicht zu schämen. Er hat Roshi auf seine Arme genommen – jetzt ist alles gut – zwischen Roshi und ihm. Geb`s Gott, dass auch einmal alles gut sein wird zwischen ihm und uns. Amen!

 

(Aus Psalm 102), Herr O.A. von Schilling

Der Beter und Sänger des 102.Psalms wandte sich in seiner Not und inneren Zerrissenheit an seinen Gott: Herr, höre mein Gebet und lass mein Schreien zu dir kommen! Verbirg dein Antlitz nicht vor mir in der Not, neige deine Ohren zu mir; Wenn ich dich anrufe, so erhöre mich bald! Denn meine tage sind vergangen wie ein Rauch, und meine Gebeine sind verbrannt wie von Feuer.Mein Herz ist geschlagen und verdorrt wie Gras, dass ich sogar vergesse mein Brot zu essen. Ich wache und klage wie ein einsamer Vogel auf dem Dach. Denn ich esse Asche wie Brot und mische meinen Trank mit Tränen. Meine Tage sind dahin wie ein Schatten und ich verdorre wie Gras. Du aber, Herr, bleibst ewiglich und dein Name für und für. Du wendest dich zum Gebet der Verlassenen und verschmähst ihr Gebet nicht. Ich sage: Mein Gott, nimm mich nicht weg in der Hälfte meiner Tage. Deine Jahre währen ewig. Du hast vorzeiten die Erde gegründet und die Himmel sind deiner Hände Werk. Sie werden vergehen, du aber bleibst. Sie werden veralten wie ein Gewand. Wie ein Kleid wirst du sie wechseln und sie werden verwandelt werden. Du aber bleibst wie du bist und deine Jahre nehmen kein Ende.

 

Begrüßung:

Am 4.Januar verstarb Roshanak Tehranian, Roshi, wie wir sie nannten, drei Tage nach ihrem 21.Geburtstag. Weil wir nicht an den Tod glauben, sondern an den der das Leben ist, deshalb sind wir hier in der Kreuzkirche zusammengekommen. Wir erfüllen damit einen ausdrücklichen Wunsch Roshis. Wir sind hier beieinander um Roshis und unser Leben und Sterben zu bedenken. Im Namen dessen, - der ein Freund des Lebens ist – beginnen wir diese Trauerfeier: Im Namen Gottes des Vaters und... Amen Wir singen jetzt ein Lied des Dichters Paul Gerhard, er wusste was Not , Tod und Trauer bedeuten, in einem Postjahr hat er hat er alle seine vier Kinder verloren, und trotzdem hat er nicht aufgehört zu singen und zu schreiben um anderen, Mitleidenden Mut zu machen.

Gebet: Guter Gott, wir sind traurig, du weißt warum. wir verstehen so vieles nicht mehr, du weißt warum. Sei jetzt bei uns, mit deiner tröstenden Nähe. Ver – tröste uns nicht! Du sagst: Ich bin die Auferstehung und das Leben! Wir sind darauf angewiesen, dass wir jetzt von diesem Leben, von der Hoffnung etwas spüren. Von der Hoffnung die über den Tod hinaus Bestand hat. Barmherziger Gott, lass uns jetzt etwas von deiner Nähe spüren, damit wir leben - und streben lernen. Ame

 

Schlussgebet: ( mit Selma Konar und Anna Konarske ):

Seng: Du bist Ursprung und Vollender allen Lebens,unser Gott, wir danken dir – in aller Trauer, dass sich unsere Wege mit dem  von Roshi ein Stück weit berührt haben.

Selma: Wir danken dir für ihre herzliche, temperamentvolle Freundschaft, für ihre Art zu lieben, für ihre Art zu leben, für ihre Art zu sterben, wir können soviel von ihr lernen.

Anna: Wir danken dir für Roshis Mut sich dem Leben, der Krankheit und dem Tod zu stellen. Wir konnten auch von ihr lernenwie sie wunderbar, unbeschwert glücklich sein konnte.

Selma: Wir danken dir, dass Roshi ,gerade in den schweren Stunden, eine große Stärke gewinnen konnte.Sie machte uns Mut über Sterben und Tod zu reden. Sie wusste, dass das Leben den Tod überdauert.

Anna: Und wenn sie verzagt war, waren liebevolle Menschen um sie. Auch Ärzte und Schwestern haben sie in ihr Herz geschlossen.

Seng: Guter Gott, du kennst auch die unerfüllten Stellen unseres Lebens mit Roshi. Wir bitten dich um Vergebung für das, wo wir ihr etwas schuldig blieben. Wir vertrauen auf deine vergebende Liebe. Und vertrauen Roshi deiner liebevollen Nähe an. Guter Gott, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. Lass uns im Leben - Sterben lernen, dass wir dem wahren Leben,in deiner Nähe, auf die Spur kommen, und lass uns – wenn es einmal sein muss – im Sterben erleben, dass du uns trägst. Amen. Vater unser ...